„Bitte! Bitte lass mich in Ruhe!“ „Warum sollte ich? Du bist doch selbst schuld. Du machst mich immer so rasend vor Wut!“
Gerhard, mein Lebensgefährte und ich hatten wieder einmal Streit. Wie definiert man Streit normalerweise? Ich würde sagen eine Meinungsverschiedenheit, die sich etwas zuspitzt. Doch bei uns war das anders. Es war nicht, wie in typischen Familien. Bei uns hatte dieses Wort, Streit, eine ganz besondere Bedeutung. Dieses Vokabel war in dieser Beziehung gleichzusetzen mit Tränen, mit Wut, mit Trauer, mit Demütigung und mit Schlägen.
Mit Schlägen für mich!
Angefangen hat alles wunderschön, bis es eines Tages die Hölle auf Erden wurde.
Ich war noch sehr jung, als ich ihn kennen lernte und es war Liebe auf den ersten Blick.
Wie in jedem Märchen fing es an. Wir sahen uns, wir sprachen miteinander und wir verliebten uns, wir küssten uns, wir kamen uns näher und wir landeten irgendwann zusammen im Bett.
Nur dass dieses persönliche Märchen leider kein Happy End hatte. Es war als wären das Gute und das Böse in meiner Geschichte zu einer Person verschmolzen und diese Persönlichkeit war mein Lebensgefährte, mein Vertrauter, mein Freund. Ich würde ihn nicht als etwas Böses bezeichnen, denn das war er bei Gott nicht. Gerhard konnte zärtlich und mitfühlend sein, er konnte liebevoll und unterhaltsam sein. Leider konnte er auch gemein, beängstigend, demütigend und gewalttätig sein. Genau deswegen befand ich mich in einem inneren Konflikt. Ich liebte ihn für den Menschen, der er war, aber ich hasste ihn für die Dinge, die er mir antat.
Er hatte es geschafft, dass ich nur mehr ein Schatten meiner Selbst war, man konnte mich nicht mehr als das Individuum erkennen, das ich früher war. Und er war schuld. Er hat mir jedes Selbstgefühl genommen, meine ganze Stärke und meinen ganzen Stolz. Wenn ich im Nachhinein nachdenke gab es Anzeichen für diese eine Charakterschwäche, die ihn leider ausmachte, die Gewaltbereitschaft. Nur damals, als diese Hinweise bemerkbar waren, konnte oder vielleicht auch wollte ich sie nicht erkennen.
Er hat mein Leben zerstört, das werde ich ihm niemals verzeihen. Mit jeden Schlag, mit jeder Demütigung hat er ein bisschen von mir selbst vernichtet, hat er mir ein bisschen von meiner Persönlichkeit einfach weggenommen. Meine Freunde, jedenfalls die, die übrig geblieben waren haben mir in dieser Zeit immer gute Ratschläge gegeben. Ich konnte sie nur nicht befolgen. Ich hatte Verlustängste und aus diesem Grund, aus diesen Ängsten heraus nahm ich das alles monatelang in Kauf. Ich wollte gehen, wollte fliehen, aber irgendetwas in mir schaffte diesen Schritt in die Freiheit einfach nicht.
„Wenn du mich nicht wütend gemacht hättest, hätte ich keinen Grund gehabt dich zu schlagen, zu vergewaltigen und zu demütigen!“ „Welchen Grund kann es für so was Abscheuliches geben?“ fragte ich mich nächtelang unter Tränen. „Was habe ich nur falsch gemacht, was habe ich so schreckliches verbrochen, das ich es verdient haben soll?“
Nichts habe ich verbrochen, das weiß ich jetzt, nur leider ist es zu spät. Ich habe mich umgebracht, die Pulsadern einfach aufgeschnitten und nach ungefähr einer Viertelstunde war alles vorbei. Diese Hölle, diese Furcht, es gab sie nicht mehr, aber es gab auch kein Leben mehr, tot, mit 18 Jahren. Auf meinem Grabstein steht: „Warum? Es hat doch nie Anzeichen gegeben!“ „Hat es sie wirklich nicht gegeben?“ frage ich mich!
Samstag, 23. Januar 2010
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